Wer Bücher liebt, muss Talwin Morris lieben.

So die erste These. Wir können es gut und gerne gleich vorwegnehmen. Diese These sehe ich als bewiesen an.

Die zweite These: Waren Talwin Morris und Charles Rennie Mackintosh deswegen so gute Freunde, weil sich in ihrem Lebensweg viele Gemeinsamkeiten finden?

Die interessierte Leserin, der interessierte Leser beachte im Folgenden das (!).

Die dritte These: Vier sind mindestens einer zu wenig. Wenn nicht zwei.

Was zu beweisen bleibt.

Wer ist Talwin Morris?

Talwin Morris wird 1865 im englischen Winchester als Sohn eines Auktionators geboren. Seine Mutter stirbt früh. (!) Danach stirbt der Vater. Auch zu früh. Morris wächst bei Tante und Onkel auf, die eine theologische Karriere (!) für den Neffen anstreben. Doch Morris schmeißt hin und lässt sich von 1882 bis 1885 im Architekturbüro (!) seines Onkels in Reading ausbilden.  Danach arbeitet er 5 Jahre, von 1885 bis 1890, in einem Londoner Architekturbüro. Ich lese von Kirchenrestaurationen und einem wachsenden Interesse für Möbeldesign (!). Einen Preis hat er auch gewonnen. Wofür? Eine Kunstschule hat er allerdings nicht besucht. Auch ohne ein Studium scheint Morris vielseitig und neugierig (!).

Wendungen

Black and White: A Weekly Illustrated Record and Review – wikipedia

Jetzt die Überraschung: Seine berufliche Karriere nimmt erneut eine Wendung. 1891 beginnt Morris als Art Editor beim neu gegründeten britischen Wochenmagazin Black and White. Er ist verantwortlich für das Design von Überschriften, Initialen und kleinen Illustrationen.

Sein Chef ist Marion Harry Spielmann (1858-1948). Der gilt Ende des 19. Jahrhunderts als einer der mächtigsten Männer in der spät-viktorianischen Kunstwelt. Er ist Herausgeber verschiedender Kunstmagazine, Kritiker, Sammler, Mäzen, Publizist. Er ist erfolgreich. Er ist konservativ. Mit den geisterhaften Sachen, die in den 1890ern die vier Glasgower Künstler – Margaret und Frances Macdonald, Charles Rennie Mackintosh und Herbert McNair – als Kunst bezeichnen, kann Spielmann sich gar nicht anfreunden. Spook School! Aye!

Doch Morris scheint sich (noch) mit seinem Chef zu arrangieren. Er wird mit weiteren Aufgaben für andere Publikationen betraut, die vom Verlag Cassell & Co herausgebracht werden: Portrait Gallery, Battles of the Nineteenth Century, das Impressum einer Samstagszeitung, … Detaillierte Informationen zu Morris‘ Arbeiten gibt es wahrlich wenige.

Hochzeit, Umzug und ein neuer Job

Die nächste entscheidende Wendung kommt mit viel Liebe. Morris heiratet 1892 seine um vier Jahre ältere (!) Cousine Alice Marsh (1861-1955). Bereits ein Jahr später, 1893, bewirbt sich Talwin Morris auf eine Anzeige in The Standard. Im schottischen Verlag Blackie & Son wird ein Art Director gesucht. Langsam schließen sich die Kreise. Sie ahnen es schon. Morris überzeugt und das Ehepaar zieht nach Glasgow. Schottland also. Eine weitere Anzeige im Glasgow Herald lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Anwesen namens Dunglass Castle in Bowling. Das liegt nordwestlich von Glasgow am River Clyde.

Dunglass Castle, Bowling

Dunglass Castle

Hinter der Ruine im Vordergrund befindet sich (links im Bild) ein Gebäude mit niedrigen Räumen und Fenstern in dicken Mauern, so schreibt der Journalist Gleeson White 1897 in The Studio in einer Artikelserie mit dem Titel  Some Glasgow Designer. Heute ist das Gebäude leider eine Ruine – ich war dort im Juni. Zutritt verboten. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt. Schade. Wirklich sehr schade. Denn das Ehepaar Morris und das inzwischen befreundete, etwas jüngere, aber mindestens genauso kreative noch-nicht-Ehepaar Charles Rennie Mackintosh und Margaret Macdonald – die beiden haben erst 1900 geheiratet – bauen Dunglass Castle zu einem Tempel des Glasgow Style aus. Zumindest stelle ich mir das vor. 1899 verkauft das Ehepaar Morris das Schloss an den Bruder von Margaret Macdonald, die natürlich das jetzt-bald-Ehepaar Mackintosh für weitere Umbauten engagieren.

Buch-Design bei Blackie & Son

Morris derweil ist verantwortlich für das Buch-Design bei Blackie & Son. Er gibt dem Cover-Design von Walter Blackies Büchern den einzigartigen Glasgow Style. Er gestaltet sogar die Büroräume des Verlags um. Das klingt nach Corporate Design. Auf jeden Fall bringt er neuen Schwung in den Verlag.

Glasgow Style ist eine Mischung verschiedenster Bewegungen und Stile, beeinflusst von japanischer Kunst und Innendekoration, der Natur, keltischer Mystik und der englischen Arts and Crafts Movement. Den Glasgow Style zählt man zum Art Nouveau.

Glasgow Style

Talwin Morris ist angekommen. In Glasgow längst, in der Partnerschaft und Ehe sowieso, beruflich und jetzt künstlerisch. Er beendet die viktorianische Ära des Buchdesigns. Er verzichtet auf Bilder. Er macht sich das Vokabular des Glasgow Style zu eigen. Morris‘ Buchcover zieren stilisierte Rosen, geschmeidige Kurven und geometrische Figuren. Er liebt Punkte und Kästchen, Pflanzenmotive und Vögel. Er entwirft elegante Beschriftungen, auch das Seitenlayout, Titelblätter, Kolumnentitel, das Frontispiz. Heute würde man sagen: Talwin Morris ist ein Influencer. Seine Designs zeugen von einer besonderen architektonisch geprägten Ästhetik. Sicher beeinflusst von seiner Ausbildung und vielleicht auch von seiner künstlerischen Allianz mit den den Macdonald Schwestern, mit Mackintosh und McNair. Die ihn zu neuen Taten motivieren.

»In Glasgow kommen die neuesten und individuellsten Arbeiten zweifellos von den Misses Macdonald, von Mrs F. H. Newbery, Mr Charles Mackintosh, Mr J. Herbert McNair und Mr. Talwin Morris«, schreibt Gleeson White im Juli 1897 in The Studio.

The Four

The Four werden die Schwestern Margaret und Frances Macdonald, Charles Rennie Mackintosh und Herbert McNair heute genannt. Talwin Morris ist zweifellos der Fünfte im Bunde. Mrs. F.H Newbery, respektive Jessie Newbery, die Ehefrau des Direktors der Glasgow School of Art, die Sechste.

Morris begibt sich erfolgreich auf neues Terrain, gestaltet Stoffe, Interieur, Schmuck, Möbel und Metallobjekte. In 1902 werden viele dieser Arbeiten auf der International Exposition of Modern Decorative Arts in Turin ausgestellt. Francis Newbery, der Direktor der Glasgow School of Art, ist treibende Kraft für den Auftritt der Glasgower Künstler. Charles Rennie Mackintosh der künstlerische Leiter. Viele von Morris‘ Arbeiten werden verkauft.

Anmerkungen

Zur Geschichte von Talwin Morris gehören noch eins, zwei, drei Anmerkungen:

Eins: Spätestens 1898 beginnt Morris‘ Frau unter dem Namen Alice Talwin Morris eine eigene äußerst erfolgreiche Karriere als Kinderbuchautorin.

Zwei: Es ist Talwin Morris, der seinen Chef Walter Blackie 1902 mit Charles Rennie Mackintosh bekannt macht. Sonst wäre das wunderbare Hill House in Helensburgh wohl nie gebaut worden. Darin befinden sich nicht nur unzählige von Morris‘ Büchern, sondern auch etliche Interieur-Arbeiten von Morris. Wie kann es anders sein.

Bibliothek im Hill House – (C) Uwe Langner, 2017

Drei: Auch Charles Rennie Mackintosh hat Buch-Cover entworfen, jedoch erst nach Morris‘ viel zu frühem Tod 1911. Vermutlich wollte er dem Freund nicht ins Handwerk pfuschen. In seinen finanziellen Krisen ab dem 1. Weltkrieg jedoch hat Mackintosh dem Wunsch von Walter Blackie entsprochen. Hier drei Ergebnisse.

Oben links: Design für die Serie Splendid Half-Crown Books, das Mackintosh zugeschrieben wird. Auch in hellem Grün auf Leinen.

Oben rechts: Design von 1926 in braunem und blauem geometrischen Design auf hellblauem Leinen. Das Muster wiederholt sich auf dem Buchrücken.

Unten: Bird Design von 1915. Es wurde in mehreren Farben produziert. Blau auf Gelbbraun (Bild), Grau auf hellem Grün, Schwarz auf Rot.

(C) Karen Grol – 16.08.2018

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