Was Berlin Nikolassee mit Charles Rennie Mackintosh zu tun hat

Kürzlich hat mich die Stadt Glasgow zu einem Empfang in die Britische Botschaft Berlin geladen. Ich darf »Mackintoshs Atem« vorstellen. Es gibt kaum etwas, das ich lieber tue: in der einen Hand das Buch, in der anderen ein Glas 18-jährigen Glengoyne. Ein Dudelsackspieler sorgt für Schottland-Feeling. Schön ist’s. Doch der nächste Tag sorgt für Ernüchterung. Wie um Himmels willen soll ich die freien Stunden angemessen verbringen? Ich bin in Berlin. Weit und breit findet sich nichts von Mackintosh. Ich könnte shoppen, ein oder zwei Museen besuchen oder nur unter Linden flanieren. Tausend verlockende Angebote und ich bin unzufrieden? Dann der Geistesblitz!

Deutsch-schottische Freundschaft

Ich muss ausholen. Charles Rennie und Margaret Mackintosh hatten viele Freunde, aber die Freundschaft mit dem deutschen Ehepaar Muthesius war besonders. Anna und Hermann Muthesius lebten einige Jahre in London. Er war Architekt, arbeitete für die Deutsche Botschaft und hatte den Auftrag, sich mit dem britischen Kunsthandwerk und Baukunst auf der Insel zu beschäftigen. Der Vorsprung der Briten machte den Deutschen wohl Sorge. Die verrückten Glasgower Künstler musste Muthesius natürlich unbedingt kennenlernen. Nach dem ersten Kontakt folgten gegenseitige Besuche, angeregte Briefwechsel, gemeinsame künstlerische Projekte der Frauen, eine Patenschaft für den Muthesius-Sohn, Geschenke und natürlich etliche Artikel und Erwähnungen in Muthesius‘ umfangreichem publizistischen Werk. 1903 wurde Muthesius abberufen und kehrte nach Deutschland zurück. Er zog mit Anna und den Kindern nach Berlin, wo er als Geheimrat im Preußischen Handelsministerium (Landesgewerbeamt) für die Kunstgewerbeschulen zuständig war. Er wurde zu einem streitbaren und gefürchteten Kritiker, der die besorgniserregende Qualität des detuschen Kunstgewerbes anprangerte, den Jugendstil verdammte und später die Neue Sachlichkeit (Bauhaus). Er baute zahlreiche Häuser, darunter eines für sich selbst. Und das steht in Berlin Nikolassee. So, jetzt bin ich angekommen.

Streifzug durch Berlin Nikolassee

Das Navi hat mich zur angegebenen Adresse geleitet: Potsdamer Chaussee 49. Ich übe mich im Kreisfahren. Das Haus ist nicht zu finden. Kein Landhaus nirgends. So nämlich hat Muthesius sein Haus bezeichnet: Landhaus. Er favorisierte Häuser in einem regional geprägten Stil, Häuser zum Wohnen, und darin war er sich mit Mackintosh sehr einig.

Ich biege links in Richtung Nikolassee ab und fahre einen großen Bogen. Villen, alt und neu, säumen die schmale mit Kopfstein gepflasterte Straße. Hier wohnen die Betuchten. Dann werden die Villen werden größer und älter. Sie sind Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut worden, entlang einer recht langen Niederung, die sich Rehwiese nennt. Eiszeitlichen Gletscherbewegungen ist dieses Tal zu verdanken, das manchmal Wasser führt. Jetzt im trockenen Sommer 2018 ist es nicht einmal grün.

Spurensuche

Ich frage eine Dame nach dem Haus von Hermann Muthesius. Sie weist verwirrt nach links und nach rechts. Mir wird klar, wie unpräzise meine Frage ist. Muthesius hat in Nikolassee zahlreiche Villen gebaut. Er galt als gefragter Architekt zu einer Zeit, als hier noch sehr wenig Bebauung war. Ich äußere die Vermutung, dass sich Muthesius‘ eigenes Haus jenseits der Rehwiese befindet. Also genau gegenüber. Das könne durchaus sein, erfahre ich und, dass dort unten in der Niederung die Leute mit ihren Hunden Gassi gehen und es längst nicht mehr so sei wie damals, als ihr Vater dieses Haus gekauft habe. Dabei habe sie nie in Nikolassee wohnen wollen. Aber ja, da drüben könne durchaus noch ein Haus sein.

Haus Muthesius – von der Rehwiese – Deutsche Kunst und Dekoration, 1908

»Das Grundstück bietet einen, für die Umgegend von Berlin ausnehmend schönen Fernblick über die Längsrichtung des Wiesengrundes, ist gegen die im Sommer nicht staubfreie Chaussee durch dichten Kiefernwald abgesperrt und hat am Abhänge nach der Rehwiese hin nur niedriges Kieferngestrüpp, das die Aussicht nicht hemmt.«

Hermann Muthesius in Deutsche Kunst und Dekoration, 1908

Unmöglich. Da drüben ist Dschungel. Es ist kein Haus zu sehen. Und wenn dort ein Haus ist, hat es keine Aussicht. Ich habe ein altes S/W-Foto mit einer weißen Villa auf einer Anhöhe in Erinnerung. Doch jetzt versperren hohe Bäume und dichte Sträucher Neugierigen wie mir den Blick.

Villa Muthesius in Berlin Nikolassee

Ich steige hinab in die Rehwiese und den Hang hinauf. Eine Treppe erleichtert den Aufstieg und endlich finde ich eine Stelle, die etwas davon preisgibt, was im Verborgenen liegt. Ich erahne ein weißes Haus mit Walmdach. Ein Haus mit Ecken und Kanten, verschiedenen Wohnebenen und unterschiedlichen Dachniveaus. Ein Haus, das zu erkunden, viel Zeit braucht. Ein Foto zu machen, steht mir nicht zu. Das Haus ist bewohnt. Der Rasensprenger läuft. Ohnehin: Auf dem Foto  wäre überwiegend Grünes statt Weißes. Darum also erneut ein Archivfoto:

Haus Muthesius – Norden, von der Rehwiese – Deutsche Kunst und Dekoration, 1908

Ich laufe hoch zur Potsdamer Chaussee. Irgendwo muss doch der Zugang sein. Ich finde ihn auch. Er führt über einen Parkplatz, der zu einem sechsgeschossigen Mietshaus gehört. Die Bausünde aus den 1960er Jahren steht dort, wo laut Lageplan mal ein Kiefernwäldchen gewesen ist. Der Wohnblock ist höher als jede Kiefer, weit höher als das Landhaus. Es höhnt laut und deutlich: »Kiek! Jugendstil und Bauhaus konnst’e schon nicht leiden. Jetzt kriegst’es noch dicker!« Es ist ein Trauerspiel. Die Villen von Hermann Muthesius stehen in jedem Architekturführer, doch das scheint dem Berliner Bauamt Mitte des 20. Jahrhunderts keinen Gedanken wert gewesen zu sein. Ich soll vermutlich froh sein, dass das Haus überhaupt noch steht. Denn die zwei anderen Villen, die Muthesius auf dem ursprünglich 2,5 Hektar großen Grundstück hat bauen lassen, sind längst nicht mehr da.

Schauen wir uns die einstige Pracht an:

Haus Muthesius – Süden – aus Deutsche Kunst und Dekoration, 1908

Bitte betrachten Sie die Bilder im Vollbild, dann entgehen Ihnen keine Details.

Bilder: Deutsche Kunst und Dekoration, 1908

Das Landhaus

In der Tat, es ist ein Landhaus. Es hat jedoch nichts gemein mit den oft düsteren, harten, verschlossenen englischen Landhäusern, die Muthesius geliebt und gelobt hat. Er wusste, »dem kontinentalen Auge sagen solche Häuser meist nicht zu

»Der düstere und verschlossene Gestus erscheint Muthesius als Übereinklang von Wohnzweck, englischer Landschaft und Mentalität und wird daher als künstlerisch angemessener Ausdruck gelobt.«

Hermann Muthesius und die Idee der harmonische Kultur, Fedor Roth

Passt also dieser helle, freundliche Gestus nach Berlin? Ich sage, ja. Das Haus Muthesius ist geräumig, gemütlich und lichtdurchflutet. Es hat Bereiche zum Arbeiten, zum Repräsentieren und für den stillen Rückzug. Die Räume wirken wohl durchdacht, sorgfältig eingerichtet und gestaltet. Die Möbel sind mal traditonell, mal funktionell, mal sehr modern. Aber nie auffallend. Dem überbordenen Jugendstil jener Zeit hat Muthesius Zurückhaltung entgegengesetzt und jedwedem Historismus eine klare Absage erteilt. Wichtiger als Ornamentik war ihm Harmonie.

Und was sagt Charles Rennie Mackintosh?

An Mackintosh erinnert im Haus Muthesius wenig und ich bin mir sicher, niemals hätte Muthesius den Stil des Freundes kopiert oder imitiert. Zu stark waren die eigenen Überzeugungen. Trotzdem ähneln manche Details der Wandgestaltung Stilelementen von Mackintosh. Die Quadrate etwa, die Betonung von Senkrechten, der Einsatz von Wandpaneelen. Aber auch die sorgfältige Möblierung, die eine genaue Planung voraussetzt, die nur gelingt, wenn Architektur und Innenarchitektur Hand in Hand gehen. Insbesondere jedoch das Interesse an gelungenen Sitzecken.

Bilder: Uwe Langner oder Deutsche Kunst und Dekoration, 1908

Nachdenklich und wehmütig verlasse ich die Rehwiese. Auf dem Weg zum Stadtkern von Nikolassee reiht sich eine Villa an die nächste. Doch keine ist wie das Haus Muthesius, schon deswegen nicht, weil ich es kaum zu sehen bekommen habe. Ganz dringend brauche ich jetzt ein hübsches Gebäude, das ich erkunden kann, und eine Stärkung.

(C) Karen Grol – 19.08.2018

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