Charles Rennie Mackintoshs Willow Tea Rooms in Glasgow

Bereits zu Lebzeiten Mackintoshs war es nicht anders. Immer waren es Freunde, Begeisterte, Unverbesserliche, Überzeugte, die den Architekten und Designer Charles Rennie Mackintosh weiterbrachten, seine Kunst am Leben hielten, sein Schaffen unterstützen. Vor vier Jahren war es eine Frau, die eine mutige Entscheidung traf und die Willow Tea Rooms rettete.

Catherine Cranston

Doch zunächst blicken wir 140 Jahre zurück. Die Glasgower Geschäftsfrau Catherine Cranston hat sich vorgenommen, das Teehaus-Business neu zu erfinden. Teehäuser, das sind Selbstbedienungs-Sandwich-Bars zu dieser Zeit. Die Kunden, ausschließlich Männer, essen hier im Stehen ihr Lunch – Sandwiches, Pasteten, Gebäck -, trinken Milch (sic!), Ale oder Whisky dazu. Nicht einmal den Hut müssen sie dafür abnehmen.

Catherine (Kate) Cranston – (C) J.C. Annan, 1903

Die Idee

Bequemlichkeit, Behaglichkeit, Schönheit und Seriösität. Darum geht es Kate Cranston. Endlich sollen Teehäuser auch der Damenwelt offenstehen. Cranstons Konzept sieht verschwiegene „Lauben“ für die Damen vor und große bequeme Raucherzimmer für die Herren. Das Essen soll gut und preiswert sein. Im Angebot: ein leichtes Lunch, der Afternoon-Tea mit Gebäck und Kuchen, aber auch Abendessen.

1878 eröffnet Cranston in der Argyle Street den Crown Luncheon Room. 1886 kommt ein Teehaus in Ingram Street hinzu. 1897 baut sie ein mehrstöckiges Gebäude in der Buchanan Street zu einem Teehaus um. Sie will nicht einfach Kunst an Wände hängen und ihren Räumen damit einen avantgardistischen Touch geben. Das ist ihr zu wenig.

Charles Rennie Mackintosh

Cranston stößt auf einen jungen Künstler: Charles Rennie Mackintosh. Er und seine Freunde, die Schwestern Frances und Margaret Macdonald und Herbert (Bertie) McNair elektrisieren und schockieren Glasgow gleichermaßen. Das lässt Cranston aufhorchen. Sie beauftragt Mackintosh mit der Wandgestaltung auf allen Stockwerken. Das ist der Anfang. Danach erfolgt kein Umbau und keine Neugestaltung mehr ohne den aufstrebenden jungen Künstler. Cranston wird Mackintoshs Mäzenin. Selbst beim Umbau ihres Privathauses ist Mackintosh ihre erste Wahl.

Sauchiehall Street 217

1903 kauft Cranston ein Gebäude in Sauchiehall Street 217 und beauftragt Mackintosh mit der Umgestaltung der Fassade und dem Ausbau des dreistöckigen Gebäudes zu einem Teehaus. Mackintosh schafft gemeinsam mit seiner Frau Margaret Einzigartiges: die unvergleichliche Außenfassade im Glasgow Style, elegante Möbel und Stühle mit hohen Lehnen, dekorative und neuartige Friese an den Wänden, kunstvolle Leuchtenarrangements. In unzähligen Glaskugeln bricht sich das Licht. In ihnen spiegeln sich Anmut und Einzigartigkeit. Der Teeraum für die Damen ist hell, in femininen Farben gehalten. Die Lounge für die Herren dunkel und mystisch. Das feine Porzellan mit chinesischem Dekor ein echter Hingucker. Nein, das hat Glasgow noch nicht gesehen. Das hat nicht einmal die Welt zuvor gesehen. Internationale Magazine berichten über die Willow Tea Rooms. Die Leute drücken ihre Nasen an die Scheibe.

Willow Tea Room – (C) Uwe Langner, 2018

Der Verfall

Als ich in den 1990er Jahren zum ersten Mal in Glasgow bin, besuche ich mit Freunden die Willow Tea Rooms. Ich kann nicht glauben, was ich sehe. Ich verfalle in Trance, während ich durch die Räume schreite, von Stockwerk zu Stockwerk wandele. Hier beginnt eine Faszination, die bis heute anhält.

Willow Tearooms – (C) Uwe Langner, 2016

Wenige Jahre später muss das Teehaus seinen Betrieb einstellen. Ich kenne die Gründe nicht. Ein Juweliergeschäft zieht ein.  Die Fassade verkommt. Zuletzt schützt eine Bretterverschlag die Fenster. Hier schaut keiner mehr hinein.

Teehäuser in Glasgow

Es gibt jetzt noch zwei weitere Teehäuser in Glasgow, die unter dem Namen „Willow Tearooms“ (hier: Tearooms in einem Wort) betrieben werden. Eigentlich sind es keine Häuser, sondern tatsächlich nur Räume, aber ein passabler Ersatz zu den verlorenen, echten „Willow Tea Rooms“ (hier: Tea Rooms in zwei Worten). Interieur und Design im Stil des Originals. Immerhin. Hier stärke ich mich im Oktober 2016 mit Tee und Scones während meiner Recherche für Mackintoshs Atem und freue mich auf 2018. Denn dieses Plakat im Fenster des Nachbarhauses von Sauchiehall Street 217 kündet von Wunderbarem.

Plakat – (C) Karen Grol, 2016

Celia Sinclairs Rettungsaktion

Springen wir noch einmal. Es ist 2012. Celia Sinclair ist verzweifelt. Sie sitzt auf einer Bank vor Sauchiehall Street 217 und betrachtet das Gebäude. Es ist nicht wieder zu erkennen. Eine Schande und es ist auf dem Markt. Wer wird es kaufen? Spekulanten, die es abreißen oder umbauen? Wird der neue Besitzer Mackintoshs Erbe schätzen? Ist das jetzt das Ende der Willow Tea Rooms? Celia Sinclair hat eine erfolgreiche Karriere im Anlage- und Immobilienmanagement hinter sich. Sie hat alle ihre Beziehungen spielen lassen, konnte jedoch niemanden überzeugen, Sauchiehall Street 217 zu retten.

Der Willow Tea Rooms Trust

Sie beschließt, es selbst zu tun. Sie kauft Sauchiehall Street 217 und gründet den Willow Tea Rooms Trust, um Unterstützung zu bündeln und Kapital zu sammeln. Es kommt eine zweistellige Millionenzahl zusammen und der Trust ist in der Lage, auch das Nachbargebäude zu kaufen. Hier findet Platz, was heutzutage dringend erforderlich ist. Ein Restaurantbetrieb im Jahre 2018 stellt andere, neue Anforderungen an Küche, Speiseräume, Lager, Sicherheit, Klima. Ein großzügiger Shop entsteht und eine zentrale Anlaufstelle für alle Mackintosh-Fans und Touristen, die sich bisher außerhalb von der Stadtmitte in der Queens Cross Church befindet.

Sneak Preview

auf Miss Cranstons Willow Tea Rooms Chair – (C) Uwe Langner, 2018

Die offizielle Eröffnung der Willow Tea Rooms findet im Juli 2018 statt, aber ich habe als Mitglied der Charles Rennie Mackintosh Society bereits am 6. Juni zu Mackintoshs 150. Geburtstag die Gelegenheit, meine Füße auf die neuen Teppiche und mich auf Miss Cranstons Willow Tea Room Chair zu setzen. Man serviert mir Tee und Scones auf chinesischem Porzellan. Ich habe Gänsehaut wie all die anderen anwesenden Mitglieder.

Der 7. Juni 2018

Zu Lebzeiten sei Mackintosh in Glasgow stets verkannt und missachtet worden. Dies sei nun sein Tag, sagte Celia Sinclair auf der Geburtstagsparty:

Wer noch Lust auf Hintergrundinformationen hat, dem seien die folgenden beiden Filme vom BBC ans Herz gelegt. Sie zeigen, wie das kostbare Interieur nach Original-Vorbildern neu gefertigt wurde:

(C) Karen Grol – 15.08.2018

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